Kurze Zusammenfassung über eine Auslegung von Thomas Jettel, Prediger, Bibellehrer und -ausleger, über Daniel 9, Verse 24 bis 27.

Das hebräische Wort "schabuim", auf deutsch Siebenheiten, bedeutet gewöhnlich die Zeit von sieben Tagen, also die "Woche."  Was hier mit den "Siebenheiten" gemeint ist, ob Siebenheiten von Tagen, Jahren oder Sabbatjahren, das kann nur aus dem Textzusammenhang erschlossen werden. Die siebzig Siebenheiten werden jedenfalls in Beziehung gesetzt zu den siebzig Jahren der babylonischen Gefangenschaft. Jene werden von der ersten Wegführung im Jahr 605 v. Chr. an gezählt. Sie enden mit der Rückkehr des ersten Teils der Juden im Jahr 538 v. Chr. Das sind zwar nicht ganz 70 Jahre, sondern 67/68 Jahre, aber in der Prophetie geht es oft um runde Zahlen, besonders dann, wenn sie einen Symbolwert haben - wie die "siebzig". Sie steht oft für die Zahl der Fülle und Vollkommenheit, zehnmal die Sieben.

 

Daniel wusste von dem Propheten Jeremia, 25:11 und 29:10, von jenen siebzig Jahren. Der Zusammenhang legt daher Siebenheiten von Jahren, also Jahrwochen, nahe, denn die halbe siebzigste Woche wird mit 1260 Tagen angeben, d. s. dreieinhalb Jahre (12:11; 11:31; 7:25; 12:7). Somit ergibt sich nachgenannte Erkenntnis: Siebzig Jahrwochen sollten verstreichen, ehe Stadt und Tempel für immer wiederhergestellt sein werden. Und die Wiederherstellungszeit wird eine bedrängnisreiche Zeit sein. Der Engel weissagt: 
Stadt und Tempel werden für ewig wiederhergestellt werden, aber ehe dieses alles geschieht, muss die Züchtigungszeit Jerusalems siebenfach verlängert werden.


Im Gesetz teilt Gott diese siebenfache Züchtigungszeit dem Volk Israel mit, 3.Mo 26:21, 24, 28. Also nicht siebzig Jahre, sondern siebzig mal sieben Jahre schwerer Bedrängnis- und Anfechtungszeit sollten verstreichen. Was von Gottes Wort an dieser Stelle im Buch Daniel nicht mitgeteilt wird, ist, wieviel Zeit danach noch verstreichen sollte, bis die verheißene Heilszeit und das ewige Allerheiligste kommen würde. Dies wird nicht gesagt. Es genügt die Information, dass die schwere Zeit des Wiederaufbaus ein Ende haben wird. Sicher ist jedoch, die siebzig Jahrwochen, die bestimmt sind, werden einen Abschluss haben, Vers 24. 

Daniel wird von dem himmlischen Boten Gabriel als ein vielgeliebter Mann genannt, der auf das Wort zu achten und das Gesicht zu verstehen hat, Vers 23. Und dann wird ihm mitgeteilt: über dein Volk und über deine heilige Stadt sind 70 Wochen bestimmt, Vers 24. Es geht um das Volk Israel, zu dem Daniel gehört, und es geht um die Stadt Jerusalem, die der Bote als heilige Stadt bezeichnet. Und mit dieser Stadt waren Daniels Zukunftshoffnungen verknüpft. Daher hatte er zuvor für diese Stadt und für dieses Volk gebetet und sich damit identifiziert. Daniel erfährt nun durch den Mann Gabriel ein Ziel. Und vor diesem Ziel werden die 70 Wochen ablaufen. Ob dieses Ziel erst eine Zeitlang nach Ablauf oder exakt mit dem Ablauf dieses Zeitraumes erfolgt, geht aus dem Wortlaut der Bibel nicht hervor. Jedoch werden sechs Sachverhalte oder Dinge genannt, die dann erreicht sind. Dies sind 


die Abtrünnigkeit zu verschließen, 
die Sünde zu versiegeln, 
die Schuld zu sühnen, 
ewige Gerechtigkeit zu bringen, 
Gesicht und Prophetie zu versiegeln und 
ein Allerheiligstes zu salben. 

 

Wie es scheint, zielen diese sechs genannten Dinge alle auf den gleichen Zeitpunkt. Nach der Beseitigung der Abtrünnigkeit und der Sünde soll an ihre Stelle eine Gerechtigkeit treten, die nie mehr endet, die volle Gerechtigkeit. 

Es ist später der Apostel Simon Petrus, der in seinem Brief an die Christen ebenfalls auf diese Gerechtigkeit hinweist, 2Pt 3:13. Und diese Gerechtigkeit ist ewig, weil das Königreich des Messias (Christus) ewig ist, Dan 2:44; 7:14; 18:27. Gesicht und Prophetie stehen in Verbindung mit Abtrünnigkeit, Sünde und Schuld. Wenn diese beseitigt oder versiegelt ist, dann ist auch Prophetie nicht mehr notwendig und wird versiegelt. Weder Offenbarung (Gesicht, Weissagung) und  Prophetie wird dann mehr nötig sein. Es ist der Apostel Paulus, der in seinem Brief an die Christen in Korinth darauf hinweist, 1Kor 13:8. Im Tempel war das Allerheiligste die Bundeslade. Gesalbt wurde auch der König, der Hohepriester und der Prophet. Außerdem gab es den Hinweis, dass der Messias durch den Heiligen Geist gesalbt werden wird, Jes. 11:2 iVm  61:1. Hieraus ergibt sich die Frage: Könnte mit der Aussage "ein Allerheiligstes zu salben" der Messias Jesus gemeint sein? Da jedoch im Hebräischen vor dem Wort "Allerheiligste" der Artikel fehlt, ist somit eine Sache gemeint und nicht eine Person. Und bei dieser Sache dürfte wohl an einen Tempel zu denken sein. Denn es geht um die Zukunft der Stadt und des Heiligtums. 


Daraus ergibt sich eine weitere Frage. Um was für einen Tempel könnte es hier gehen. Geht es um den Tempel, der mit Menschenhänden  ab dem Jahr 536 v. Chr. erbaut wurde, Sach u. Hag,? Oder geht es um den neuen ewigen Tempel, Hes 37:26-28. Im Gesetz Mose erfolgt die Anordnung, dass der Brandopferaltar zu heiligen ist, und dies sollte mit Salböl geschehen, damit der heilige Altar hochheilig ist, 2Mo 40:9 u. 10; 3Mo 8:11. Der zweite Tempel wurde durch Antiochus entweiht, aber später wieder in der Makkabäerzeit geweiht, jedoch nicht gesalbt. Eine Salbung konnte nicht erfolgen, weil es damals kein heiliges Salböl gab. Somit ist eigentlich zu erkennen, dass die Prophetie von Vers 24 darüber hinausgeht. Und es sollte nicht ein heiliger Altar, sondern ein Allerheiligstes gesalbt werden. Das materielle jüdische Heiligtum kann somit nicht gemeint sein. Vielmehr gibt die Schriftstelle den Hinweis auf eine objektive Stätte, wo Gott unter seinem Volk wohnen und sich ihm bezeugen will. Das Salben ist der Akt, durch welchen diese Stätte zu einer heiligen Stätte der Gegenwart und Offenbarung Gottes geweiht wird. Es geht letztendlich hier um die Herstellung einer neuen Stätte der Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Und dies steht im Zusammenhang mit der gänzlichen Beseitigung der Sünde und Abtrünnigkeit und mit dem Erscheinen der ewigen Gerechtigkeit und dem Abschließen aller Prophetie in dem Neuen Jerusalem (Offb. 21). Von alledem ist das Werk des Herrn Jesus Christus auf Golgatha das Fundament, aber die volle Verwirklichung davon ist die Vollendung, die Aufrichtung des vollendeten ewigen Königsreiches, d. h. der neuen Schöpfung. Das vollendete ewige und himmlische Heiligtum wurde von den Propheten als ewige Zukunftserfüllung für Gottes Volk vorausgesagt. 

 

Jesus Christus ist bei seiner Himmelfahrt in dieses himmlische Heiligtum mit seinem Blut eingetreten. Die Herrlichkeit Gottes hatte vor der Zerstörung des Tempels, 587 v. Chr.,diesen verlassen, Hes 8-11, und kehrte nicht wieder in den unter Serubabel wiedererbauten Tempel zurück. Der Prophet teilt jedoch mit, dass die Herrlichkeit Gottes in den neuen verherrlichten Tempel zurückkehren wird, Hes 43: 3-5; 45:3. Weiterhin erfolgt der Hinweis, dass nach der Rückführung aus Babylon der Messias kommen würde und einen ewigen Tempel erbaut, Hes. 37:26,27,28; Hag 2:9; Sach 3:9; 6:12-15. Zu jener Zeit würde ewige Gerechtigkeit und vollständige Sühnung kommen. Und dieser Tempel wird nicht aus realen Steinen bestehen und nicht von Menschenhänden gebaut sein, denn aller Himmel Himmel können Gott nicht fassen, so dass dieser nicht in einem Haus, welches von Menschen gebaut ist, wohnt, 2Ch 6:18, Jes 66:1. 

 

Im Neuen Testament wird diese Tatsache ebenfalls erwähnt, Apg 7:48; 17:24; Heb 9:11,24; 12:27,28. Letztendlich ist der lebendige Gott selber dieses Heiligtum, die Wohnung der Gerechtigkeit, Jes 8:14; Hes 11:16; Offb 21:22. In der Offenbarung wird das neue himmlische Jerusalem beschrieben. Dieses neue Jerusalem, die ganze Stadt, ist zu einem übergroßen Tempelheiligtum geworden. Diese Stadt ist gleich lang, gleich breit, gleich hoch. Das Allerheiligste im Tempel und im Zelt der Zusammenkunft ist das einzige im Alten Testament, das ein Kubus ist, gleich lang, gleich breit und hoch, 1.Kö 6:20; 2.Chr 3:8. Das neue Jerusalem ist die Erfüllung aller ewigen Tempelverheißungen. Und in dieser Stadt wird kein Tempelheiligtum sein, denn Gott selbst ist ihr Tempelheiligtum. Durch seine ewige Gegenwart ist dieses neue Jerusalem zu einem sehr großen "Allerheiligsten" geworden, in der nichts '"Verunreinigtes" hinein kommt. Die Sünde wird dann versiegelt sein. Und ewige Gerechtigkeit wird dort wohnen und die Prophetie ist erfüllt. Mit dieser Betrachtungsweise kommt man zur Auffassung, dass die Salbung des Allerheiligsten sich nur auf jenes ewige Allerheiligste, auf das neue Jerusalem, beziehen kann.  Was wird jedoch in der Zwischenzeit bis zur Erfüllung der herrlichen Hoffnung Israels geschehen? Der himmlische Bote informiert Daniel, dass die siebzig Wochen in drei Zeiträume unterteilt sind. 7 Wochen, 62 Wochen, 1 Woche. Und jeder dieser drei Zeiträume hat etwas, wodurch er sich von den anderen unterscheidet. 

 

Der erste Abschnitt, 7 Wochen, hat einen klar bezeichneten Anfang und ein deutlich bestimmtes Ende. Der Abschnitt beginnt mit dem Ausgehen eines Wortes. Und dieses Wort teilt mit: Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen. Und der Abschnitt dauert bis zum Auftreten eines Gesalbten, der zugleich ein Fürst ist. Dies ist das Ende des ersten Abschnittes, der jedoch auch gleichzeitig der Anfang des zweiten Abschnittes ist. Der zweite Abschnitt beginnt mit jenem Gesalbten der auch ein Fürst ist. Mit dieser Tatsache beginnen nun die 62 Wochen. Von dort ab werden die 62 Wochen gezählt. Das Ende der 62 Wochen wird durch einen besonderen Umstand markiert. Nach den 62 Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden. Dieser Gesalbte kann nicht identisch sein mit dem Gesalbten zu Beginn der 62 Wochen. Unmittelbar nach den 62 Wochen wird weitergezählt. An die 62 Wochen schließt sich die eine Woche an. Von einer zeitlichen Lücke ist keine Rede! Der dritte Abschnitt, eine Woche, wird demnach ab der Ausrottung des Gesalbten gezählt. Und jene Woche dauert sieben Jahre. Und während diesen sieben Jahren wird das Volk eines Fürsten kommen und die Stadt und das Heiligtum verwüsten und veranlassen, dass die Opferungen aufhören, und zwar für die Dauer von dreieinhalb Jahren. Aber nach Ablauf jener letzten dreieinhalb Jahre  kommt über den Verwüster, über den Fürsten dieses Volkes, welcher die Stadt und das Heiligtum verwüstete, eine vernichtende Verwüstung. 

 

Die Bibel teilt drei Zeitabschnitte mit, die nacheinander ablaufen. Nahtlos schließt sich ein Abschnitt an den anderen an. Die siebzig Wochen sind nicht durch Zeitlücken unterbrochen. Die 70 Wochen sind ein Ganzes. Der Text erlaubt es nicht, Zeitlücken einzuschieben, um entsprechende Auffassungen oder Lehren zu begründen. Es ist festzustellen, dass jeder Zeitabschnitt besonders gekennzeichnet ist. Bezüglich des ersten Abschnitts, 7 Wochen, werden keine besonderen Ereignisse oder Vorkommnisse erwähnt. Noch wird nicht gebaut. Der zweite Abschnitt, 62 Wochen, ist vom Wiederaufbau gekennzeichnet. Und dies in bedrängnisreicher Zeit. Von derlei schweren Zeiten wird in Bezug auf den ersten Abschnitt, 7 Wochen, nichts gesagt. Der dritte Abschnitt, 1 Woche, bringt für das Gottesvolk die Katastrophe. Eine Zeit der Bedrängnis, wie sie nicht gewesen ist, seitdem ein Volk besteht zu jener Zeit.

 

Daniel befindet sich in babylonischer Gefangenschaft und ist bereits in einem sehr hohen Alter. Und die Zeit der siebzig Jahre betrachtet er aus dem Buch des Propheten Jeremia, Jer 25:8-14; 29:9-14. Hierbei betet Daniel ernsthaft für die Wiederherstellung, Dan 9:2-19. Der himmlische Bote teilt ihm nicht mit, dass die 70 Jahre bald ein Ende haben werden, sondern dass per göttlichen Ratschluss eine Zeit von siebenmal siebzig Jahren für Daniels Volk und Stadt bestimmt sind. Weitere Prüfungszeiten warten auf das Volk und auf die Stadt, ehe die herrliche Hoffnung Israels erfüllt und vollendet wird. Nun ergibt sich die Frage: Wann beginnen diese siebzig Wochen? Von welchem Datum an soll man zählen? Und vom wem erging das Wort, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen? 

 

Im Buch Esra wird bezüglich des Tempelbaus mitgeteilt: Und die Ältesten der Juden bauten; und es gelang ihnen durch die Prophezeiung Haggais, des Propheten, und Sacharjas, des Sohnes Iddos; und sie bauten und vollendeten nach dem Befehl des Gottes Israels, und nach dem Befehl Kores und Darius und Artasastas, des Königs von Persien, Esr 6:14. Ausgehend von  diesem Wort Gottes haben sich besonders drei Auffassungen ergeben, bzw. leitet man drei Vorschläge ab, wann die siebzig Wochen beginnen könnten. 

 

Der erste Vorschlag nennt das Jahr 538 v. Chr. Hier geht es um das Ediket des persischen Königs Kyrus. Bei diesem Vorschlag gibt es jedoch zwei Schwierigkeiten. Wenn man von 538 an 490 Jahre zählt kommt man etwa ins Jahr 48 v.Ch. Und zum Zweiten war nach dem Kyrus-Dekret  eine wichtige Zeit des Bauens, in der die Israeliten ihre eigene Häuser bauten und den Tempel vollendeten. Sollten die 70 Wochen mit Kyrus beginnen, müsste erwähnt sein, dass die ersten 7 Wochen zur Bauzeit gehören. Aber im ersten Abschnitt, 7 Wochen, ist keine Rede davon, dass mit dem Bauen sofort begonnen werde. Vielmehr werden erst sieben Wochen verstreichen. 

 

Der zweite Vorschlag nennt das Jahr 445 v. Chr. Dieser Vorschlag betrifft die Erlaubnis des Artasasta an Nehemia. Wenn man nun 483 Jahre (69 Wochen) von dort aus nach vorne rechnet, kommt man auf das Jahr 39 n. Chr. Das ist zu weit, denn der Herr Jesus wurde im Jahre 30 n. Chr. gekreuzigt. Heute weiß man durch die Möglichkeit der genaueren Berechnung, dass Jesus Christus vor dem Jahr 4 v. Chr., dem Tod des Herodes, geboren wurde. Also im Jahr 5 oder 6 v.Chr. Sein öffentliches Auftreten begann im Jahr 25 oder 26. Sein Dienst dauerte dreieinhalb Jahre. Folglich starb der Herr im Jahr 30. Bei dieser Zählung muss eine Unterbrechung der Zählung der Wochen vorgenommen werden. Zwischen der 69 und 70 Woche müßte eine Zeit eingeschoben werden, um auf die Zeit der Verwüstung zu kommen, was jedoch vom Text und vom Zusammenhang her nicht erlaubt ist. Denn der himmlische Bote betrachtet die 7 Wochen, die 62 Wochen und die eine Woche gesondert, aber alles wiederum im Ganzen.  

 

Der dritte Vorschlag betrifft das Jahr 458 v. Chr. Dort geht es um Esras Rückkehr. Rechnet man nun von 458 die 69 Jahrwochen hinzu (483 Jahre) ergibt dies das Jahr 26. n. Chr. Dieses Jahr ist der Beginn des öffentlichen Dienstes des Herrn. Damit fiele die "Ausrottung" des Gesalbten allerdings in die Mitte anstatt an den Anfang der 70. Woche. Die Auffassung, dass die erste Halbwoche den öffentlichen Dienst Jesu, von 26 bis 30 n. Chr. betrifft und die zweite Hälfte von 30 bis 34 n. Chr.,ist vom Text her nicht zulässig. Warum? Weil die Wochen ein lückenloses Ganzes sind. Die Ausrottung des Gesalbten findet gemäß Vers 26A mit Ablauf der 62 Wochen, also am Beginn der siebzigsten Woche statt, und nicht dreieinhalb Jahre später. Außerdem teilt Gottes Wort mit, dass das Heiligtum und die Stadt in der 70. Woche verwüstet werden. Nach diesem Vorschlag müsste die Stadt und das Heiligtum noch vor Ende 34 n.Chr. verwüstet werden. Jedoch ist es eine Realität, dass der Tempel und die Stadt 40 Jahre nach dem Kreuzestod Jesu erst verwüstet wurden. Die These von Vorschlag drei ist aus diesen Gründen unannehmbar.

 

Neben diesen drei Hauptvorschlägen ergaben sich zwei weitere Erklärungen. Die erste Erklärung betrifft das Jahr 605 v. Chr. Es geht um Gottes Wort, welches vom Propheten Jeremia mitgeteilt wurde, Jer 25:11,12. Dieses Wort wurde gegen Anfang der babylonischen Gefangenschaft gegeben, Jer 25:1. Wenn nun ausgehend von diesem Wort die 70 Wochen gezählt werden, so enden diese im Jahr 116 v. Chr. Aber in jenen Jahren geschah nichts von dem, das geweissagt wurde. Werden  von 605  v. Chr. die ersten sieben Wochen gezählt, also 49 Jahre, kommt man zum Jahr 556 v. Chr. Bei diesem Jahr handelt es sich um die Thronbesteigung des Kyrus. Dies war jedoch nicht die Zeit des Bauens. Daher kann sich das Wort aus Dan 9:2 nicht auf dieses Wort aus Jer 25:1,11,12, beziehen. Daher muss in Dan 9:25 ein allgemeines Wort Gottes gemeint sein. 

 

Da die genannten Vorschläge nicht zutreffen können, ergibt sich die Auffassung, dass eines der Worte Gottes durch Jeremia, gegeben in den Jahren bis 587 v. Chr., gemeint ist. Diese Auffassung, dass das Wort sich auf Weissagungen des Jeremias generell bezieht,  erscheint am wahrscheinlichsten. Solche Worte werden in den Kapiteln 30 bis 33 mitgeteilt und betrifft das Jahr 587 v. Chr. So sagt Jaweh: Siehe, ich will die Gefangenschaft der Zelte Jakobs wenden und mich über seine Wohnungen erbarmen. Und die Stadt wird auf ihrem Hügel wieder erbaut und der Palast nach seiner Weise bewohnt werden, Jer 30:18; 31:38. "Und ihr sollt mein Volk, und ich werde euer Gott sein, Jer 30:22. Siehe, Tage kommen, ist der Ausspruch Jahwehs, da diese Stadt gebaut werden wird vom Turm Hananel bis zum Ecktor, Jer 31:38. Es soll nicht ausgerottet und nicht zerstört werden in Ewigkeit", Jer 31:40. Es geht in diesen Worten um die ewige Wiederherstellung der Stadt und des Tempels, nicht lediglich um eine zeitliche. Und genau das ist der Zielpunkt der Weissagung von Dan 9:24! Der himmlische Bote erklärt, Jerusalem solle für immer wiederhergestellt werden. Nun ist der Zusammenhang erkennbar. Aber bis diese Wiederherstellung erfolgt, würde eine lange und schwere Zeit zu überstehen sein. Aus Dan 2:44,45 und Dan 7:26, 27 geht hervor, dass die Zeit der ewigen Wiederherstellung Jerusalems und des Tempels in Zusammenhang mit dem ewigen Messiasreich steht, und aus Dan 12:2,3, dass sie mit der Auferstehung aus den Toten in Verbindung steht. So kann gesagt werden, dass der Zielpunkt der 70 Wochen nicht bloß eine irdische Wiederherstellung von Stadt und Tempel sein kann. 

 

Der Prophet Hesekiel hatte vorausgesagt, dass der neue größere David kommen und einen ewigen Tempel salben würde, Hes 37:26,28; K 40-48. Auch würde er eine ewige Gerechtigkeit einführen und vollständige Sühnung von Sünden bewirken, und zwar dann, wenn das ewige Allerheiligste eingeweiht ist. Jener ewige Tempel, in welchem ewige Gerechtigkeit wohnt und der die Erfüllung aller Prophezeiungen ist, kann nicht ein Werk von Menschenhänden sein. Aus Daniel, Kapitel 2, 7 und 11 geht hervor, dass auf die Zeit des Antiochus das ewige messianische Königreich folgt. Hierbei ist zu beachten, dass der Prophet die Dinge in verkürzter prophetischer Perspektive zu sehen bekommt. Das Wort , Jerusalem zu bauen und wiederherzustellen, Dan 9:25, scheint Bezug zu nehmen auf ein Wort Gottes an Jeremia, dessen heilige Buchrolle Daniel damals studiert hatte. Gott hat viele dieser Prophetien knapp vor der Zerstörung Jerusalems gegeben. Das Datum 588/587 v.Chr. ist für die weitere Berechnung der 70 Wochen am geeignetsten. Der Prophet Jeremia war damals im Wachhof eingeschlossen, Jer 33:1; 32:1,2.

Noch einmal zu Daniel  9, Vers 25. Es darf dort nicht übersetzt werden: bis zu einem gesalbten Fürsten. Auch sollte nicht übersetzt werden zu dem Gesalbten, dem Fürsten. Denn der Artikel vor dem Wort "maschiach" fehlt. Er fehlt, weil nicht gesagt werden soll: bis auf den Messias, welcher Fürst ist, sondern : bis zu einem Gesalbten, einen Fürsten. Dies heißt bis einer kommt, der Gesalbter und zugleich Fürst ist. Das Wort Gesalbter wird verwendet, um den Hohen Priester zu bezeichnen. Aber dieses Wort wurde auch für den von Gott gesalbten König verwendet. Die in Vers 25 genannte Person wird zuallererst Gesalbter genannt. Hinzugefügt wird, dass er zusätzlich auch ein Fürst ist. Und Fürst bedeutet ein Herrscher oder Führer des Volkes zu sein. Mit dem Wort Gesalbter in Vers 25 ist wohl kaum ein gesalbter König gemeint, sondern ein gesalbter Priester, also ein Hoher Priester. Und dieser Hohe Priester ist zusätzlich König oder Fürst. Dies wird durch das Wort Fürst ausgedrückt. Diese Person ist also nicht zuvorderst Fürst und zusätzlich Gesalbter, sondern umgekehrt. Das Wort Gesalbter wird im Alten Testament nie als Eigenname verwendet. Auch nicht für den einen großen und erwarteten Messias, Ps 2:2. Wäre das Wort "maschiach" ein Eigenname, so müsste bei Fürst der Artikel stehen. Es müsste heißen der Fürst Messias. Das ist jedoch nicht der Fall.

 

Wer ist nun der Gesalbte? 

 

Serubabel und Esra waren nicht gesalbt. Und der Hohe Priester Onias III war kein Volksfürst. Dieser wurde 171 v. Chr. ermordet. 

Der persische König Kyrus (Kores) wurde von Gott mit Gesalbter angesprochen, Jes 45:1. Dieser Kyrus sollte die Stadt wiederaufbauen, Jes 45:113; 44:28. Aber dieser persische König war auf Erden kein Priester. Auch wurde er nicht von Gott zum König gesalbt. Im übertragenden Sinne hat Gott diesen Titel für ihn verwendet, weil Gott ihn zu einem besonderen Dienst erwählte. Dieser sollte Jerusalems Drangsal beenden. Er war das ausgesuchte Werkzeug, um an Israels Feinden Gericht zu üben. Kyrus war zuallerst König und nicht Gesalbter. Vielmehr sollte man auch bei dem Begriff Gesalbter an einen rechtmäßigen jüdischen Priester denken. 

 

Ansprechend wäre auch die Lösung, dass es sich hier um den Messias Jesus handelt. Man könnte meinen, dass die Weissagung eben jenen Gesalbten meint. Aber der Herr Jesus kann nicht gemeint sein, denn er kam nicht sieben Wochen, etwa 49 Jahre, nach dem Wort, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen. Denn es geht nicht um zwei Abschnitte, 69 + 1, sondern um drei Abschnitte, 7 + 62 + 1. Der erste endet mit dem Gesalbten, dem Fürsten. ,,,,bis zu einem Gesalbten, einem Fürsten, sind es sieben Wochen. Punkt. Der Punkt in Vers 25 ist nach sieben Wochen zu setzen, nicht nach: und 62 Wochen. Folglich berichtet der Text von zwei Gesalbten. Einer kommt nach sieben Wochen, 49 Jahre, und einer wird nach 62 Wochen, 443 Jahre,  ausgerottet, Vers 26. Zusammen ergeben dies 483 Jahre. Wäre mit dem Gesalbten in Vers 25 der Messias Jesus gemeint, müsste außerdem vor "maschiach" der Artikel stehen. Wäre von dem bekannten, erwarteten Messias, der die Vollendung bringen sollte, die Rede, so hätte der Engel wohl nicht unbestimmt geredet. Auffallend ist, dass im Neuen Testament auf jene siebzig Wochen kein Bezug genommen wird. Denn dies müsste man ja erwarten, wenn es in Daniel 9 um den großen Befreier, wenn  es um den eschatologischen Messias ginge. Aber weder der Herr Jesu noch die Apostel erwähnen die 70 Wochen. Wenn Daniel 9 tatsächlich eine Schlüsselstelle zum Verständnis der biblischen Eschatologie wäre, könnte man erwarten, dass sich irgendwo im Neuen Testament ein Hinweis findet, der zeigt, dass die ersten 69 Wochen mit dem Kommen des Herrn Jesus und seinem öffentlichen Auftreten erfüllt waren. Aber das Neue Testament schweigt. Der Herr macht nur einmal eine Andeutung auf den Propheten Daniel. Dort ist aber keine Rede von den 70 Wochen, sondern von einem Gräuel der Verwüstung, Mt 24;15; Mk 13:14, Dan 11:31; 12:11. 

 

Welcher Fürst - etwa 49 Jahre nach dem Ausgehen des Wortes vom Wiederaufbau der Stadt- war ein Gesalbter, ein amtlicher Hoher Priester, und trug auch zugleich eine Krone. Eine Krone die ihn somit auch als Fürsten erkennbar machte. 

Wenn man nun davon ausgeht, dass die ersten sieben Wochen (49 Jahre) mit der Rückführung Israels enden kommt man zum Jahr 538 v. Chr.  Da war Jerusalem noch in einem verwüsteten Zustand. Und über dieses Jerusalm wurde geweissagt, dass es für ewig hergestellt werden sollte. Und zu jener Zeit war Josua der Hohe Priester. Dieser Priester, Sohn Jozadaks, kam zusammen mit Serubabel nach Jerusalem, Esr 2:2; Neh 7:7. Kurze Zeit später wurde der Wiederaufbau des Tempels und der Stadt in Angriff genommen, Esr 3:2,8. Die ersten sieben Wochen stehen in einem starken Gegensatz zu den 62 Wochen. Der erste Abschnitt endet positiv und hoffnungsvoll. Ein Gesalbter kommt, der auch Fürst ist. Der zweite Abschnitt endet negativ und deprimierend. Ein Gesalbter wird getötet und eine schwierige und bedrängnisreiche Zeit wird für Israel beginnen. Und diese Zeit betrifft die siebzigste Woche. Die Bibel teilt somit mit, der erste Abschnitt, 7 Wochen oder 49 Jahre, ist zwar eine schwere Zeit, aber sie endet hoffnungsvoll. Es kommt ein Gesalbter, der auch Fürst ist. Der zweite Abschnitt, 62 Wochen, 434 Jahre, die lange Zeit des Bauens, ist trotz Schwierigkeiten anfänglich ermutigend. Tempel und Stadt werden aufgebaut, enden aber in einem schrecklichen Geschehen. Die Tötung eines Gesalbten. Auf diese Tötung erfolgt der dritte Abschnitt, eine Woche, 7 Jahre. Dieser Abschnitt erfolgt auf die Tötung des Gesalbten und ist eine große Leidensprüfung für das Volk Israel. 

 

538 v. Chr. war Josua Hoher Priester. Er war somit ein Gesalbter. Allerdings stellt sich nun die Frage, war er auch ein jüdischer Fürst? Die Antwort hierzu wird von dem Propheten Sacharja gegeben. Er ein Sprachrohr des lebendigen Gottes. Nimm von den Weggeführten, von Cheldai und von Tobija und von Jedaja-,,,,-ja, nimm Silber und Gold und mache eine Krone, und setze sie auf das Haupt Josuas, des Sohnes Jozakas, des Hohen Priesters, und sprich zu ihm: Sa sagt Jaweh der Heere und sagt: Siehe, ein Mann, sein Name ist Spross. Und er wird von seiner Stelle aufsprossen und den Tempel Jawehs bauen. Ja er wird den Tempel Jawehs bauen. Und er wird Hoheit tragen. Und er wird auf seinem Thron sitzen und Herrschen, und er wird Priester sein auf seinem Thron. Und der Rat des Friedens wird Tobijas und dem Jedajs und der Gnade des Sohnes Zephanjas als Gedenkzeichen sein im Tempel Jawehs, Sach 6:10-15. 

 

Im Alten Testament wird der Name Josua oft im Zusammenhang mit Serubabel genannt. Gottes Wort gibt hier für den Gläubigen die Erkenntnis, dass Josua ein Typus auf den verheißenen Messias, dem letztendlich die Prophezeiung aus Sach 6 galt, war. Darauf  deutet die Krone hin, die auf Gottes Geheiß auf Josua Haupt kam. In Dan 11:22 wird der Begriff Fürst des Bundes oder Bundesfürst auch für den Hohen Priester verwendet. Das Wort Gesalbter bezieht ich auf das Amt des Hohen Priesters und das Wort Fürst auf ein Vorsteher- und Führungsamt in Israel. Dieser Gesalbte ist also ein Hoher Priester, der zugleich auch ein ziviler Fürst ist. Er unterscheidet sich von früheren Hohen Priestern, die nur die Aufsicht über Tempel, Gottesdienste und Priesterschaften hatten. Die späteren Hohen Priester erhielten mehr und mehr Macht und wurden auch zu Führen des Volkes. Nach der babylonischen Gefangenschaft gab es keinen König mehr und so kam der Hohe Priester immer mehr zu einem größeren Ansehen und zu einer wachsenden Macht. 

Da nach sieben Wochen ein Punkt zu setzen ist, darf nicht gezählt werden 7 und 62 Wochen sind gleich eine Einheit von 69 Wochen.  Die ersten sieben Wochen werden gesondert genannt. Ebenso die letzte Woche, die siebzigste Woche. Die 70 Wochen werden in drei Abschnitte eingeteilt. Das geht deutlich aus der Satzkonstruktion hervor. Der Engel teilt nicht mit, Vers 26A: Und nach den 69 Wochen , sondern er sagt nach den 62 Wochen. 

Der Fürst, der am Ende der 62. Woche und zu Beginn der 70. Woche, der letzten Woche,  kommt, wird einen Bund durchsetzen mit der Masse des Volkes. Zur Hälfte dieser Woche wird er - für eine halbe Woche lang -  den Gottesdienst zum Aufhören bringen. Und auf Gräuelflügeln wird er ein Verwüstender sein. 

 

Die Zahlen in Daniel sind spezifisch. Die siebzig Wochen sind eine siebenfältige Verlängerung der 70 Jahre babylonischen Gefangenschaft. 

Nun sollte beachte werden, dass Gott nicht exakte Jahreszahlen angibt, so dass der Mensch in die Lage versetzt wird den Lauf der Geschichte zu berechnen. Sicher ist jedoch, dass die 62 Wochen nicht einen Zeitraum von Tausenden von Jahren ausmachen können, aber auch nicht einen von wenigen Jahrzehnten.  

Nach Gottes Wort findet in diesen 62 Wochen das Bauen statt. Die Wiederherstellung Jerusalems sollte sich also über eine lange Zeit hinziehen. Vollendet würde sie jedoch erst sein, wenn der Zielpunkt erreicht ist. Und dieser Zielpunkt wird in Vers 24 genannt. Während dem Bauen werden jedoch schwere Zeiten sein. Aber diese schweren Zeiten beschränken sich nicht auf die Zeit von Nehemias durch feindselige Nachbarvölker, sondern Judäa blieb eine kleine Provinz ohne staatliche Selbstständigkeit und hatte daher immer wieder Bedrängnisse. Und am Ende dieser zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet. Da vor dem Wort Gesalbter im hebräischen Text kein Artikel steht,  ist somit ein Hoher Priester oder ein König gemeint. Es kann auch nicht derselbe Gesalbte wie der in Vers 25 genannte gemeint sein. Denn dieser war 62 Wochen vorher gekommen. Und 62 Wochen, 434 Jahre, treffen nicht auf die Lebenszeit eines Menschen zu. 


Als König käme der eine prophezeite, erwartete und bekannte Gesalbte, Jesus Christus, der Sohn Gottes, in Frage. Aber dann müsste das Wort maschiach durch einen Artikel bestimmt sein. Erforderlich wäre es auch, dass eine zeitliche Lücke zwischen der 69. und 70. Wochen anzusetzen sei. Die Annahme, eine Lücke einzubauen, ist nicht schriftgemäß, sondern willkürlich und scheitert daran, dass der Engel von einer Gesamtzeit von siebzig Wochen spricht. Ein Gesalbter wird am Ende der 7 Wochen da sein, von dort an wird nach 62 Wochen ein Gesalbter getötet und die Stadt wird unmittelbar danach, in der 69. Woche, verwüstet. 

 

Nachdem Jesus am Kreuz von Golgatha starb, vergingen 37 bis 40 Jahre, bis der Tempel und die Stadt verwüstet wurden. Die 70 Wochen, wie auch immer man sie zählt, reichen nicht aus, um auf Jesus Christus zu kommen. Die Tötung des Gesalbten läutet also die siebzigste Woche ein. Die in Vers 26 beschriebene Verwüstung des Heiligtums und der Stadt findet nach den 69 Wochen statt und fällt in die siebzigste Woche. In den Versen 26 und 27 kann nicht die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer gemeint sein, da diese erst Jahrzehnte nach dem Kommen und Sterben des Christus geschah. Weiter ist zu beachten, dass der römische "Fürst", dessen Soldaten die Stadt und den Tempel zerstörten, der Feldherr Titus, bzw. sein Vater Vespasian, nicht im Anschluss der Verwüstung, am Ende der 70 Wochen, getötet wurden. Der biblische Text in Daniel deutet jedoch darauf, dass der Verwüster getötet wird.  

 

Wer könnte nun der Gesalbte sein, der nach 62 Wochen ausgerottet wird? 

Nach so langer Zeit kann natürlich nicht der Hohe Priester Josua gemeint sein. Es muss sich daher wohl um einen Nachfolger handeln. Infolge der Tötung des Gesalbten wird das Volk keinen legitimen Hohen Priester mehr haben. 

Ab dem Zeitpunkt, da jener Gesalbte ausgerottet, bzw. getötet ist, gibt es für die Dauer der siebzigsten Woche, also ungefähr sieben Jahre lang, für das Volk Daniels, hiermit ist das jüdische Volk gemeint, keinen mehr, der die Stelle des Gesalbten rechtmäßig ausfüllt. Auf den Herrn Jesus kann sich dies nicht beziehen, denn gerade sein Sterben und Auferstehen verlieh dem Gottesvolk einen ewigen Hohen Priester, Hebr 5-7.  

 

Nun gibt es in der Geschichte Israels eine Situation, die exakt dem entspricht, wovon hier die Rede ist. Lange Zeit nach Daniel wurde in Israel ein Hoher Priester ermordet. Und nach seiner Ermordung hatte das israelitische Volk keinen offiziellen legitimen Hohen Priester mehr. Dieser traurige Zustand hielt für die Dauer von ca. sieben Jahren an. Nach dessen Ermordung kam das Volk eines Fürsten und verwüstete die Stadt und das Heiligtum. Und in der Mitte jener sieben Jahre errichtete der Fürst von diesem Volk einen Gräuel der Verwüstung im Tempel. Und zuletzt wurde dieser "Fürst" selbst verwüstet. 

 

Der Text in Vers 27 teilt nicht mit, dass dies nach dem Vers 26 geschieht. Vielmehr scheint es so zu sein, dass das Ereignis in Vers 26 und das Ereignis in Vers 27 im gleichen Zeitabschnitt geschieht. Die in Vers 26 erwähnte Verwüstung der Stadt und des Heiligtums findet nach Ablauf der 62 Wochen, also während der siebzigsten Woche statt. Mit anderen Worten, der Vers 27 beschreibt die Ereignisse von Vers 26 im Detail. Jede Zerstörung ist eine Verwüstung. Aber nicht jede Verwüstung ist eine Zerstörung. Und das hebräische Wort, das im Deutschen mit Verwüstung widergegeben ist, meint nicht notwendigeweise eine völlige Zerstörung. Auch eine Entweihung und Umfunktionierung eines heiligen Tempels kann daher auch als Verwüstung bezeichnet werden. Dies sollte bei der Betrachtung des Textes beachtet werden. Ein Fürst kommt mit seinem Volk, mit seinen Soldaten. Und diese richten die Verwüstung an. Die Übersetzung der Schlachter Bibel 2000 mit "des zukünftigen Fürsten" entspricht nicht dem Grundtext. Das Wort Fürst steht im Hebräischen ohne Artikel und muss daher übersetzt werden mit "eines Fürsten." Dieser Fürst ist ein negativer Fürst gegenüber dem positiven Fürsten aus Vers 25. Und auf diesen negativen Fürsten kommt ein Ende. Über den Verwüster ergießt sich eine fest beschlossene Vernichtung.

Eine Parallelstelle hierzu gibt es in Daniel 8:25 und Daniel 11:45. Der Verwüster erfährt Gericht. Die siebzigste Jahrwoche endet mit der Verwüstung des Verwüsters, Vers 27, E. Dies steht alles im Zusammenhang mit der Verwüstung der Stadt und des Heiligtums. Allein schon deswegen kann mit der Verwüstung in Vers 26 nicht die Zerstörung Jerusalems durch die Römer, 70 n. Chr. gemeint sein. Der römische Feldherr Titus starb nicht innerhalb von sieben Jahren, im Gegenteil: er wurde neun Jahre nach der Zerstörung Jerusalems römischer Kaiser, 79 - 81 n. Chr. Und bis ans Ende wird es Krieg geben, Vers 26, E, bezieht sich wohl auf das Ende der siebzigsten Woche. Und damit auch auf das der Bedrängnis. Die ganze letzte Woche hindurch, also sieben Jahre, wird zwischen dem Verwüster, jenem negativen Fürsten, und dem jüdischen Volk der Jaweh-Treuen Krieg herrschen. Aber am Ende kommt Gericht auf den Verwüster. Mit Beschluss ist der göttliche Strafgerichtsbeschluss gemeint. 

Der Vers 27 gibt die Details von Vers 26, den Charakter und die Taten des Verwüsters an. Die Verse 26 und 27 sind nicht in chronologischer Reihenfolge geschrieben, sondern im poetischen Stil. Vier Aussagen werden im Vers 27 gemacht.

 

1) Der Fürst wird einen Bund stärken mit den Vielen eine Woche lang.
2) Die Hälfte der Woche hindurch wird er ruhen und dann wird er Schlacht- und Speisopfer aufhören lassen.

3) Auf Flügeln von Gräueln wird ein Verwüster sein.
4) Das wird so bleiben, bis Vollendetes und Festbeschlossenes auf den Verwüster sich ergießen wird. 

 

In manchen Bibeln ist das hebräische Wort mit Bund schließen übersetzt. Das hebräische Wort meint jedoch mehr ein Bündnis stärken, festmachen oder durchsetzen. Die Initiative geht von dem negativen Fürsten aus und er setzt einen Bund durch bei den Vielen. Mit Vielen ist die große Masse des jüdischen Volkes gemeint im Gegensatz zu den Wenigen, die dem Gott Israels treu bleiben. Für eine Woche, die siebzigste Woche, wird dieses Bündnis andauern. Das sind sieben Jahre. Das Bündnis selbst wird nicht nach dreieinhalb Jahren gebrochen oder aufgekündigt. Jedoch werden für die letzten dreieinhalb Jahre von dieser Zeit, also vor Ablauf der siebzigsten Wochen, der negative Fürst die Schlachtopfer, die im Tempel geopfert werden, und die sonstigen Gaben zum Aufhören veranlassen. Der negative Fürst sorgt dafür, dass sie nicht mehr dargebracht werden. Dieses Ereignis kann sich nicht auf das Erlösungswerk von Jesus Christus am Kreuz beziehen, denn die jüdischen Opfer im Tempel wurden nach Jesu Opfertod noch beinahe 40 Jahre lang in Jerusalem dargebracht. 

 

Es kann sich auch nicht auf die geistliche Abschaffung der Opfer durch Jesu Kreuzestod beziehen; denn aus dem Text wird deutlich, dass der Tod des Gesalbten am Ende der 62 Wochen geschieht, also am Beginn der letzten sieben Jahre. Der Gesalbte wird am Ende der zweiundsechzigsten Woche getötet und dreieinhalb Jahre nach seinem Tod hören die Opfer auf. Und zwar in der Mitte der siebzigsten Woche. Somit kann sich dies nicht auf den Kreuzestod Jesus Christus beziehen, denn dann müsste das Sterben des Gesalbten und das Aufhören der Opfer zeitgleich stattfinden! 

 

Das Aufhören der Opfer kann sich auch nicht auf die Zeit der Zerstörung Jerusalems, 70 n. Chr., beziehen, denn die Zerstörung Jerusalems geschah  nicht in der Mitte der siebzigsten Woche. Wenn nun Christen annehmen, dass das Ereignis auf 70 n. Chr. zutrifft, dann müssten 3,5 Jahre zuvor die jüdischen Opferdarbringungen durch die Anordnung eines Fürsten aufgehört haben. Das war aber nicht der Fall. Die jüdischen Opferdarbringungen dauerten bis in das Jahr 70 n. Chr. Und es war nicht der Fürst Titus, der die Opfer zum Aufhören brachte, sondern die Juden hörten aufgrund der Ereignisse von selbst damit auf. 

 

Die Worte Flügel der Gräuel geben den Hinweis auf Götzen. Die Stätte, die ehemals eine heilige Stätte war, ist zu einer unreinen Stätte geworden. Götzenfiguren und ähnliches, die im Tempel aufgestellt sind, sind das Mittel, womit Gottes Heiligtum entweiht wird. Hier dürfte wohl ein Götzenbild oder -figur  mit Flügeln gemeint sein. Und diese Götzenfigur, welche sich im Heiligtum befindet, verunreinigt, bzw. verwüstet durch ihr dortiges Sein den Tempel. Der negative Fürst wird eine Verwüstung anrichten, in dem er nämlich eine im Tempel verwüstende Götzenstatue aufstellt. 

 

Während der zweiten Hälfte der siebzigsten Woche finden keine Opferdarbringungen im entweihten Tempel mehr statt. Zuerst verwüstet jener negative Fürst Stadt und Tempel, dann verbietet er die Opfer und Gaben des Gottesvolkes, die sie Jahweh darbringen, sodann errichtet er ein Götzenbild, und am Abschluss jener Woche kommt schließlich das furchtbare Ende des Verwüsters, der das Opferdarbringen zum Aufhören gebracht und das Heiligtum durch die gräuelhafte Götzenstatue verwüstet hat. Am Ende der siebzigsten Woche wird also der negative Fürst, der das Heiligtum verwüstet hatte, selber verwüstet.

 

Was geschieht also in der letzten Woche?


Ein Gesandter wird Ende der 62zigsten Woche, bzw. zu Anfang der siebzigsten Woche getötet. Das Volk des negativen Fürsten verwüstet die Stadt und das Heiligtum. Und dies geschieht in der ersten Hälfte der Woche. Wann genau wird nicht gesagt. Das Ende dieses negativen Fürsten ist eine Überflutung. Und bis zum Ende jener Woche ist Krieg. Verwüstungen sind fest beschlossen. Der negative Fürst macht mit Vielen, mit der Masse des jüdischen Volkes, ein festes Bündnis. Und dieses Bündnis dauert eine Woche lang. Und in der Mitte dieser Woche lässt der negative Fürst die täglichen Opferdarbringungen aufhören. Auf gräuelhaften Flügeln ist Verwüstung von einem Verwüster. Aber die von Gott fest beschlossene Vernichtung ergießt sich auf den zu Verwüstenden. Das Wort "negativ" wird hier nur als Beiwort zur besseren Verstehen gebraucht. 

 

Es geht im Buch Daniel nicht um moderne Weltgeschichte. Für die jüdischen Menschen, die aus der babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem kamen, war von großer Bedeutung die Zeit, die auf das Perser- und Alexanderreich folgte. Die Prophetien im Danielbuch waren für die ab 538 v. Chr. zurückgekehrten und zurückkehrenden Juden der nachbabylonischen Zeit immer wichtiger. Denn sie wussten ja auch von den prophetischen Aussagen der Propheten Hesekiel und Jeremia (ein  neuer, ewiger Bund, das Kommen eines neuen David-Messias, Ausgießung des Geistes auf das Volk, Gott wird das Heiligtum in die Mitte setzen auf ewig, keine zwei Völker, keine zwei Könige, sondern ein Volk, ein König, Fürst in Ewigkeit). 

Im Blick auf diese herrlichen Verheißungen begann das Volk nach der Rückführung den Tempel zu bauen. Als der nach langen Jahren der Unterbrechung endlich 516/515 v. Chr. fertiggestellt war, zog die Herrlichkeit Gottes jedoch nicht in den Tempel ein. Und es gab keinen König "David", keine Ausgießung des Geistes, keinen neuen Bund und kein Anbruch der messianischen Zeit. 

 

Es war der Prophet Hesekiel, der während der babylonischen Gefangenschaft in einer eindrucksvollen Vision die Herrlichkeit Gottes schauen durfte. Er sieht die ernsten Vergehen des Volkes, ihre Untreue, Hurerei und ihren frechen Götzendienst im Licht der Heiligkeit des Herrn. Und unter anderem sieht er das Weichen der Herrlichkeit vom Tempel, Hes 10:4, 18; 11:23. Aber er durfte auch Gottes Weissagung verkündigen, dass dieser sich wieder verherrlichen wird in der Mitte von Zidon, Hes 28:22. Hesekiel wurde etwa 593 v. Chr. von Gott berufen. Und das Neue Testament berichtet, wie die Hirten von der Herrlichkeit Gottes umleuchtet waren, Lk 2:9. Nach vielen Jahrhunderten erschien die Herrlichkeit Gottes wieder in Judäa. Aber nicht in der Mitte des Volkes, also nicht im Tempel, sondern auf einem Feld, abseits von der Mitte. 

 

Die Botschaft des Danielbuches war für das jüdische Volk von großer Bedeutung. Das Volk musste aufgeklärt werden. Es musste erfahren, dass das Gottesreich nicht so schnell kommen werde. Sie bekamen Kenntnis, dass nach dem Reich der Könige von Medien und Persien ein großes Riesenreich kommen wird. Und dass dieses Reich vom griechischen König regiert wird. Nach einer Spaltung in vier kleinere Königreiche wird aus diesem ehemaligen Riesenreich dann ein zweigeteiltes Reich hervorgehen. Das eine Reich regiert vom König des Südens und das andere vom König des Nordens. Und aus diesem Reich sollte ein besonders schlimmer Feind kommen. Und der König des Nordens wird schlimmer sein als Nebukadnezar und Belsazar. Bei diesem König handelt es sich um das kleine Horn, das die Heiligen dreieinhalb Jahre bitter verfolgte. Dieser änderte auch den jüdischen Gottesdienst und die jüdischen Gesetze. Dieser König ist bekannt unter dem Namen Antiochus IV. Epiphanes. Nach Niederwerfung dieses Feindes kommt die Vollendung Jerusalems, das ewige Königreich, der ewige Tempel und in Zusammenhang damit die Auferstehung der Toten zu ewigem Leben, die Einführung ewiger Gerechtigkeit und die Salbung eines Allerheiligsten. Dies aber nicht unmittelbar danach, aber in der Folge. In der alttestamentlichen Prophetie werden die Vollendungsereignisse in perspektivisch verkürzter Weise mit geschichtlichem Nahen zusammengeschaut. Auf die Beseitigung des Nordkönigs folgt das ewige Gottesreich. Dies ist bei der Berechnung der siebzig Wochen im Auge zu behalten. 

 

Die siebzig Wochen beginnen, wie bereits erwähnt, etwa um das Jahr 587 v. Chr. Die ersten sieben Wochen von etwa 587 bis 538 v. Chr. Im Jahr 538 kommt der Gesalbte, der Hohe Priester Josua, der zugleich auch ein Fürst und Führer des Volkes ist, Sach 6:11-15. Für das jüdische Volk ist alles hoffnungsvoll und sieht vielversprechend aus. Die jüdischen Menschen machen sich daran, die Stadt und den Tempel wieder aufzubauen. Das Bauen geht über eine lange Zeit. Und nach dieser langen Zeit wird ein Gesalbter getötet und die Stadt und der Tempel verwüstet. Bei der Betrachtung der biblischen Verse ergibt es sich, dass mit dem Gesalbten nicht der Herr Jesus und mit der Verwüstung von Stadt und Tempel nicht die Zerstörung Jerusalems durch die Römer, etwa 70 n. Chr., gemeint sein können. So bleibt nur eine Möglichkeit offen, die Weissagung von den siebzig Wochen zielt, ebenso wie Kapitel 2,7,8,11 und 12, auf den Antiochus Epiphanes, den negativen Fürsten von Vers 27 hin. Mit dem Gesalbten in Vers 26 kann nur Onias III. gemeint sein. Der seleukidische König Antiochus IV. setzte den Hohen Priester Onias III. etwa im Jahr 175/174 v. Chr. ab und ersetzte ihn durch seinen gottlosen Bruder, den abgefallenen Jason. Dieser sollte heidnische Gebräuche in Israel einführen. Kurz danach setzte Antiochus Epiphanes auch diesen Jason  ab und machte den unrechtmäßigen hellenisierten Menelaus zum Priester, der natürlich nicht als Gesalbter galt. Das jüdische Volk mussten diesen falschen Priester akzeptieren. Der rechtmäßige Hohe Priester Onias III. musste allerdings vor seinen Feinden nach Daphene fliehen. Dort wurde er 171/170 v. Chr. ermordet. Während der Regierungszeit von Antiochus IV. gab es keinen rechtmäßigen Hohen Priester in Israel.   

 

Antiochus Epiphanes verwüstete durch sein Heer die Stadt und das Heiligtum. Auf Anordnung von ihm wurden 80 000 Juden getötet und die Stadtmauern zerstört. Mit der Frechheit eines Götzenverehrers drang er in den Tempel und entweihte diesen, wobei ihm der falsche Priester Menelaus als Führer diente, der zum Verräter am Gesetz und am Vaterland geworden war. Er nahm dort mit seinen unreinen Händen die heiligen Geräte weg und raffte die Weihgeschenke, die von anderen Königen zur Verherrlichung und zur Ehre der Stätte gestiftet worden waren, mit seinen unheiligen Händen zusammen. Antiochus der ja seinen Denksinn und sein Herz nicht nach dem lebendigen Gott ausrichtete, sondern nach seinem Götzen, bedachte nicht, dass Gott, der Herr, den Bewohnern der Stadt wegen ihrer Sünden für kurze Zeit zürnte und nur deshalb der Stätte eine Entweihung widerfahren war. 

 

In der Mitte der siebzigsten Woche, die von 171 bis etwa 164 v. Chr. dauerte, am 15.Dez. 168 v.Chr., wurde der Tempel entweiht. Diese Entweihung wird als Verwüstung bezeichnet. Damit begann die große Bedrängniszeit für die treuen Heiligen in Israel. Antiochus ließ alle Tempelrituale verbieten. Das Verbot dauerte dreieinhalb Jahre lang. 
Während dieser Zeit ließ er im Tempelheiligung die gräuelhaften heidnischen Opfer für Zeus/Jupiter, den olympischen griechischen Hauptgott, darbringen. Auf dem Brandopferaltar ließ er auf Flügeln der Gräueln frevlerisch Zeus-Statuen errichten. Die Zeus-Figuren standen üblicherweise auf ausgebreiteten Adlerflügeln. Der Adler war ein Symbol für die Macht des Göttervaters Zeus. Die Errichtung eines Götzen im heiligen Tempel war für die Juden schlimmer als das Verbot des Gottesdienstes und des Opferns. Für die Juden war dies ein furchtbarer Gräuel. Durch diese Götzen war das Heiligtum verwüstet und daher für die Anbetung des wahren Gottes nicht mehr brauchbar. 

 

Nun hatte die Ehrfurchtlosigkeit und Gräuelhaftigkeit ihr Vollmaß erreicht und musste bestraft werden. Und dies wird am Ende von Vers 27 beschrieben. 

Antiochus drängte den Juden  ein festes Bündnis auf. Hierzu sollte auch beachtet werden, dass es damals viele Juden gab, die mit dem Hellenismus sympathisierten. Und diese ließen sich leicht zum Abfall verleiten. Diese Juden waren für Antiochus leicht zu gewinnen. 

Antiochus Epiphanes stellte die Zeichen heidnischer Götzengräuel im Tempel auf und verbot die Darbringung jüdischer Opfer und generell die Ausübung der jüdischen Religion. Die Verwüstung des Heiligtums bestand zum einen darin, dass er dem wahren Gott die Opfer wegnahm und zum anderen bestand die Verwüstung des Heiligtums in einem schrecklichen Vergießen von unschuldigem Blut.

 

Antiochus war zuerst ein Mensch der Sünde. Aber dann auch ein Sohn des Verderbens. Und der Sohn des Verderbens war einer, der zu verderben war, ein zu Verwüstender, also einer, der von Gott wegen gerichtet werden musste. Antiochus hatte sich mit seinen Götzenfiguren und Götzendienst somit in den heiligen Tempel gesetzt. Der Tempel war dadurch entweiht, verwüstet worden. Und es ist der Apostel Paulus, der an die Christen in Thessalonich Hinweise gibt. Er schreibt vom Abfall, vom Mensch der Sünde, vom Sohn des Verderbens. Und dies in Bezug zu Daniel, 2Th 2:3,4. Das Drama schließt-wie in K 7,8 und 11 - mit dem Ende des Antiochus, K 9:27E. Der zu verwüstende wird verwüstet. 

 

Der ganze Bibeltext gibt keine Berechtigung, die Zeitspanne der 70 Wochen nicht als lückenlos aufzufassen. So wie die 70 Exiljahre, Jer 25:11 u. 29:10, als ununterbrochene Zeit zu verstehen sind, gehören auch diese 70 Wochen zusammen. Der himmlische Bote, der Engel, spricht von einer fortlaufenden ununterbrochenen Zeit von 70 Siebeneinheiten. 

Diese Wochen sind nicht von undefinierter Länge, sondern Sabbatjahrwochen. Die siebzig Wochen stehen in einem Verhältnis zu den siebzig Jahren, Dan 9:2, von denen Daniel in Jer 25:11 und 29:10 gelesen hatte. Gemeint ist nicht, dass die ersten Leser der Danielprophetien die genaue Zeit berechnen sollten. Das stünde auch im Gegensatz zur Art biblischer Prophetie. Allein der Ausdruck siebzig mal sieben sollte zu denken geben. Denn mit dieser Aussage wird eine große Fülle ausgedrückt. 

Die bereits hinter dem jüdischen Volk liegende Strafe von 70 bedrängnisreichen Jahren sollte siebenfach verlängert werden, ehe die endgültige und ewige Wiederherstellung der Stadt und des Heiligtums kommen werden. Das heißt, aus den 70 Jahren sollten 70 Wochen von Jahren werden. 

 

Die 70 Jahre der babylonischen Gefangenschaft waren 66 bzw. 67 Jahre. Die genannte Zahl 70 ist eine Zahl mit Symbolwert und wird bewusst verwendet. Wenn dies beachtet wird, ist es nicht überraschend, wenn die tatsächliche Zahl der Jahre davon abweicht. Ebenso ist es mit den 70 Wochen. 

 

Im Zusammenhang des Danielsbuches geht es um die Weissagung des Jeremia, Dan 9:2. 

 

Die ersten sieben Wochen betreffen die Zeit, in der noch nicht gebaut wurde. Da unsicher ist, wann genau das Wort Gottes an Jeremia erging. denn es ergingen ja mehrere entsprechende Worte von der Wiederherstellung Jerusalems an ihn, und zwar in den Jahren 605, 597 und 587 v.Chr., Jer 23-25, 29-35, kann man keinen eindeutigen Zeitpunkt angeben. Daher können die sieben Wochen auch mehr als 49 Jahre gewesen sein. Die ersten sieben Wochen sind also nicht notwendigerweise konkret als 49 Jahre zu zählen. 

 

Der zweite Abschnitt, 62 Wochen, wenn mathematisch gerechnet wird sind dies 434 Jahre, geht von Baubeginn, 538 v.Chr. bis ins Jahr der Ermordung des Hohen Priesters Onias III. Dies geschah im Jahr 171 v. Chr. Das sind 367 Jahre, also 67 Jahre weniger als 434. Auch die 62 Wochen werden also nicht mathematisch gerechnet. Der dritte Abschnitt ist die siebzigste Woche. Sie geht von etwa 171 bis Ende Dezember 165 v. Chr. Das war das Jahr der Wiedereinweihung des Tempels. Im Februar 164 v. Chr. kam Antiochus zu Tode. Wie lange diese Zeit  genau dauert, hat Gott selbst angegeben, Dan 8:14. 2300 Abend-Morgen. Diese Zahl ist weniger als 6,4 Jahre. Bei der Berechnung hat man die jüdischen Schaltmonate mit einzuberechnen. Diese wurden alle 3 Jahre eingefügt. Das bedeutet, dass auch die letzte Jahrwoche, 7 Jahre, nicht genau gezählt wird. Keiner der drei Abschnitte wird genau gezählt.

 

Die zweite Hälfte von jenen 2300 Tagen sind exakt die 1290 Tage von Kapitel 12, Vers 11. Das bedeutet, dass die Entweihung des Tempels, am 15.Dez. 168 v.Chr. nicht genau in der Mitte jener 2300 Tage geschah. Also auch der Ausdruck "zur Hälfte der Mitte'" von Dan 9:27 ist nicht arithmetisch zu verstehen. Nur die letzte Halbwoche wird genau gezählt. 

 

Das vierte Reich in Dan 2 ist das Seleukidenreich in Verbindung mit dem Ptolemäerreich, Dan 2:40-43. Das vierte Reich in Daniel ist ebenfalls das Seleukidenreich, Dan 7:7. Das kleine Horn, das heranwuchs und die Heiligen verfolgte, ist der seleukidische König Antiochus der IV. Kapitel 8 weißt auf die kommende Auseinandersetzung zwischen dem meder-persischen Reich und dem griechischen Reich hin, Dan 8:1-21. Dann zerbricht dieses Reich in vier Teile, Dan 8:22. Und am Ende wird ein mächtiger, frecher, listiger König auftreten, Dan 8:23-26. Das ist das kleine Horn, der Antiochus. Er ist der König des Nordens, Dan 8:6. Dieser König des Nordens, der das Heiligtum entweiht und verwüstet, ist Antiochus, Dan 11:31. Beschrieben wird dieser König in Kapitel 11, Vers 40 und ff. In Daniel 12:1,2,7,11 geht es um jene Bedrängnis unter diesem König Antiochus. 

 

Die große Krise, um die es im gesamten Buch Daniel geht, ist die aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Sie entstand durch Antiochus Kampf gegen das treue Gottesvolk und gegen das Judentum. Und Gott ließ diese Züchtigung seines Volkes zu. Antiochus Ziel war, ein griechisches Reformjudentum einzuführen. Er war jener Feind, der sich viel schlimmer als Nebukadnezar und Belsazar an den Tempelgeräten und am Tempel selbst vergriff. 

Die ersten 7 Wochen betreffen die Zeit der ersten Verwüstung des Tempels und der Stadt und gehen bis zum Erscheinen eines Gesalbten, eines Fürsten, anlässlich des Beginn der Wiederherstellung der ersten Verwüstung und des Baubeginn des neuen Tempels, Es 3:8. 

Die letzte Woche betrifft die Zeit der zweiten Verwüstung und beginnt mit der Tötung des Gesalbten, dem Hohen Priester Onias III., 171 v. Chr. und geht bis zur Wiedereinweihung des Tempels, 25.Dez. 165 v.Chr. bzw. bis zum Tod des Antiochus, Febr. 164 v.Chr. 


Die völlige Wiederherstellung, von der Kapitel 9, Vers 24 spricht, ist allerdings nicht im Jahr 164 v.Chr. erreicht. Denn in Vers 24 wird eine vollkommene Wiederherstellung geweissagt, verbunden mit ewiger Gerechtigkeit und einem gesalbten Heiligtum. Das genau war es, was auch Jeremia und Hesekiel vorausgesagt hatten. Es verhält sich in Daniel 9 gleich wie in den Weissagungen in den Kapiteln 2,7, 11 und 12. Nach der Vernichtung des großen Feindes kommt das Gottesreich. Hier ist zu beachten, dass es auch um eine zeitliche Verkürzung geht, die für alttestamentliche Prophetie typisch ist. Das heißt, in der prophetischen Darstellung folgt die Vollendung unmittelbar auf die siebzigste Woche. Wie viel Zeit nach Ablauf der 70 Wochen tatsächlich verstreicht, wird nicht geoffenbart. 

 

Der Engel sagt in Vers 24 lediglich voraus, dass 70 Wochen über das Volk und die Stadt bestimmt seien, um das Ziel zu erreichen, d.h., dass die 70 Wochen verstreichen müssen, ehe der Zielpunkt, die Vollendung, erreicht ist. Die Wochen, einschließlich der siebzigsten, beziehen sich auf Dinge, die vor Vollendung der Heilsgeschichte Israels geschehen sollen. In Kapitel 2 und 7 und 11 wird geweissagt, dass das vollendete Gottesreich, einschließlich der Auferstehung der Toten unmittelbar nach Antiochus, und jenes vierte Königreich von Daniel 2, folgen sollte. Das ist für die biblische Prophetie typisch: Die Vollendung wird in perspektivischer Verkürzung dargestellt. 

 

In seiner sogenannten Endzeitrede spricht Jesus Christus, der Herr, den Gräuel der Verwüstung an, Mt 24:15; Lk 21:20-23. Die beiden Berichte aus diesen Evangelien ergänzen einander. Die Parallele zeigt, dass der Gräuel der Verwüstung sich auf fremde Heere bezieht, die die Heilige Stadt umringen. Auf welchen Heeresaufmarsch, Römer, Idumäer, und auf welche Belagerung sich die Stelle bezieht, ist nicht ganz klar. Zumeist wird hier an die Römer gedacht. Sicher ist, dass der Gräuel der Verwüstung eine Parallele zu Daniel 11:31 und 12:11 ist. Auch Kapitel 8:11 bis 13 und 9:27 gehören sachlich dazu. 

 

Jesus Christus, der Herr, konnte nicht gemeint haben, dass sich anlässlich der Drangsal im Zusammenhang mit der Tempelzerstörung, Mt 24, die antiochenische Verwüstung erfüllen würde. Auch sprach der HERR nicht von Erfüllung, sondern wies darauf hin, dass der Verwüstungsgräuel, der damals unter Antiochus stattfand, wiederum stattfinden würde. Offensichtlich sollte sich für Jerusalem und Judäa eine ähnliche Drangsal ereignen, wie unter Antiochus. Sobald die Jünger Jesu den verwüstenden Gräuel, von dem Daniel in Bezug auf Antiochus geredet hatte, an heiligem Ort stehen würden, sollten sie dieses Signal für sofortige Flucht erkennen. Das bedeutete für die Jünger, dass in Jerusalem und Umgebung eine parallele Situation wie damals kommen sollte. So, wie Antiochus den Verwüstungsgräuel aufrichtete, in Form einer Götzenstatue, die den Tempel entweihte, so sollte der Verwüstungsgräuel nun abermals aufgerichtet werden, und zwar in naher Zukunft, Mt 24:34. 

Hierbei sollte beachtet werden, dass es nicht um eine exakte Wiederholung der Ereignisse geht, sondern um die Entweihung des heiligen Ortes, der Stadt und des Tempelbezirkes. Die Geschichte sollte sich wiederholen. Allerdings mit einem wichtigen Unterschied. Die Bedrängnis Jerusalems und Judäas sollte diesmal viel schlimmer werden, schlimmer als je zuvor und je danach, Mt 24:21. 


Ausführliche Auslegung ist zu erhalten bei Thomas JETTEL, Breitstraße 58, Ch-8421 Dättlikon. 

Unterwegs notiert, Nr: 93, 94, 95, Jahr 2015

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Helmut KRCAL, Bibelhauskreis Zotzenbach im Odw.