Otto Stockmayer aus "Die Gnade ist erschienen"

Wenn man nicht mehr hört

 

Ich kleide den Himmel mit Dunkel und mache seine Decke gleich einem Sack. - Der Herr Herr hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, dass ich wisse mit dem Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre wie ein Jünger. Der Herr Herr hat mir das Ohr geöffnet, und ich bin nicht ungehorsam und gehe nicht zurück. Jesaja 50,3-5

 

Der 3. Vers ist die Schilderung der Zustände, die eintreten, wenn man nicht mehr hört: Verfinsterung, das Erlöschen jedes Heilslichtes, ein verhängter Horizont, eine Höhle, in der man sitzt und sich fürchtet. Es ist schwarz geworden in der Menschheit, nachdem in der Geschichte des Alten Bundes der letzte Prophet Maleachi strafend seinem Volk im Namen Gottes gesagt hat: "Bin ich euer Vater, wo ist die Ehre, die ihr mir gebt?" Da ist es immer dunkler geworden und immer schwärzer; und was hat da Gott tun müssen?

 

Der Menschheit konnte nicht mehr geholfen werden. Und weil Gott unser Ohr nicht mehr hatte und auch nicht das Ohr seines auserwählten Volkes, so hat er dies Volk seine eigenen Wege gehen lassen. Und diese sind wie die der Heiden geworden. Es hat Gott sein Ohr nicht mehr gegeben, und was musste da geschehen?

 

Es musste einer kommen, dessen Ohr Gott immer hatte (Vers 4 und 5), den er nicht lange zu rufen brauchte, der da seit seinem ersten Auftreten wie Elia sagen konnte: "Der Gott, vor dem ich stehe", aber der in ganz anderer Weise es sagen konnte als Elia; denn als dieser davonlief in die Wüste, um sein Leben zu retten, da stand er nicht mehr vor dem Herrn, da hatte er nicht mehr sagen können: "Der Gott, vor dem ich stehe." Da hat Elia sich erschrecken lassen von einem Weib, das allerdings mehr als ein Weib war; es war eine Prophetin der Hölle, eine finstere Gestalt, eine Gestalt, die unbeweglich blieb, auch wenn Hunderte von Baalspriestern geschlachtet wurden. Jene Isebel, sie stand unbewegt da und hat getrotzt und hat's gewonnen für den Augenblick.

 

Die Hölle weicht nur vor dem einen, dessen Ohr Gott immer gehabt hat. Von seiner Geburt an, von dem ersten Erwachen seines Bewusstseins in Nazareth an bis zum letzten Odem am Kreuze hat er für seinen Vater gehandelt, wie ein Jünger, wie ein Lehrling, wie ein Schüler, damit wir uns unserer eigenen Gelehrsamkeit schämen sollten, etwas wissen zu wollen, da, wo er immer nur gehört und gemerkt und gehorcht hat auf seinen Gott wie ein Jünger. Er ist zum Jünger geworden, der nie etwas getan hat, als was sein Vater ihm gezeigt hat (Vers 5), der nie etwas selber geredet hat. Was der Vater ihm zeigte, das tat er, und was der Vater ihm gab, das sprach er. Er lebte so mit seinem Vater zusammen in der Abhängigkeit von ihm, dass er sagen konnte: "Philippus, wer mich sieht, der sieht den Vater."

 

Herr, durch deine Güte führe uns je länger, je mehr in die Stellung ein, die du dem Vater gegenüber innegehabt und durchgeführt hast, bis in den Tod hinein: "Mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Tun an deinem Sagen!" - Öffne unsere Herzen und unser Ohr für dich und nur für dich allein! Amen.

 

aus "Die Gnade ist erschienen" von Otto Stockmayer, Tag 22. Februar