Der alte Mann und das größte Gebot (5. Mose 6,5)

 

Rolf Müller

 

Der Herr Jesus Christus fasst die Zehn Gebote in diesem Vers zusammen. Wenn es nicht Gottes Gnade und das Erlösungswerk Christi gäbe, würde dieser Vers wie ein Todesurteil über uns schweben. Wie wenig lieben wir doch Gott! Es gibt zahlreiche christliche Konferenzen, die sich mit allen möglichen Themen befassen. Liebe zu Gott ist nicht dabei. Stattdessen redet man über die Liebe zu sich selbst.

 

Eigenliebe ist das Gebot der Stunde. Man sagt, man könne Gott und den Nächsten nicht lieben, solange man nicht gelernt habe, sich selbst zu lieben. Das ist humanistische Psychologie. Man verdreht den Satz „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ins Gegenteil. Die Lüge von der gebotenen Eigenliebe wird als Wahrheit verkauft. Das große Heilmittel heißt: „Liebe dich selbst!“

 

Unsere Liebe zu Gott beginnt im Willen, nicht im Gefühl. Liebe ist eine Entscheidung. Liebe ist Hingabe und Verbindlichkeit. Es geht nicht darum, sich in irgendwelche Liebesgefühle zu Gott hineinzusteigern. Liebe zu Gott ist, ihm zu gehorchen. „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist´s, der mich liebt (…) und ich werde ihn lieben und  mich ihm offenbaren (…) und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Johannes 14, 21-23).

 

Es ist nicht so, dass Gott unserer Liebe bedarf. Der unendliche Gott braucht nichts. Wenn wir Gott lieben, ist es zu unserem eigenen Nutzen. Gott zu lieben bringt Segen. Nicht die Selbstliebe, sondern die Liebe zu Gott ist das Gebot der Stunde. Es gibt viele Gründe, Gott zu lieben.

 

„Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Joh. 4,19). Unser Herr Jesus Christus hat diese Liebe bewiesen, als er ans Kreuz ging, um die Strafe für alle zu bezahlen. Er bat seinen Vater, selbst denen zu vergeben, die ihn ans Kreuz gebracht hatten.

 

Der alte Mann möchte hier auf ein weiteres Missverständnis hinweisen, das heute weit verbreitet ist. Man sagt, der Sohn Gottes gab sein Leben für uns hin, weil wir so wertvoll sind. Das bestärkt unseren Stolz. In Wahrheit sind wir in Gottes Augen verlorene Sünder. Wir sind unwürdig. Wir haben nichts als Gottes Zorn verdient. Je mehr wir unsere Sünde erkennen, umso mehr wird uns klar, dass wir auf Gottes Liebe und Gnade angewiesen sind.

 

Wenn Gott uns lieben würde, weil wir so edle nette Leute sind, dann könnten wir seine Liebe verlieren, wenn wir eines Tages nicht mehr so nett und gut sind. Aber Gott ist Liebe, Gott ist unwandelbar. Darin liegt unsere Heilsgewissheit. Alle Ehre gehört Gott. Christus ist nicht gestorben für Leute, die „etwas sind“. Er starb für unwürdige Sünder. Es waren unsere Sünden, die ihn ans Kreuz brachten. Nicht wir sind würdig. „Würdig ist das Lamm!“

 

Der Apostel Paulus erklärt in 1.Korinther 15,10: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Das lässt keinen Raum für Selbstruhm. Gott von ganzem Herzen lieben und unseren Nächsten wie uns selbst – das können wir nicht durch eigene Anstrengungen schaffen.

 

Ein Mensch, der selbst im Mittelpunkt steht, wird die Gebote Gottes als lästig empfinden. Er wird glauben, Gott will ihm etwas vorenthalten. Wer aber von Gottes Liebe ergriffen ist, wird frei von sich selbst. Er findet seine Freude darin, dass er Gott gehorcht.

 

Die Gnade sei mit allen,  

die Gnade unsres Herrn,

des Herrn, dem wir hier wallen

und sehn sein Kommen gern.

Auf dem so schmalen Pfade 

gelingt uns ja kein Tritt,

es gehe seine Gnade

denn bis zum Ende mit.

 

Auf Gnade darf man trauen, 

man traut ihr ohne Reu; 

und wenn uns je will grauen, 

so bleibts, der Herr ist treu.

Damit wir nicht erliegen,

muss Gnade mit uns sein; 

denn sie flößt zu dem Siegen

Geduld und Glauben ein.

 

Bald ist es überwunden 

nun durch des Lammes Blut,

das in den schwersten Stunden 

die größten Taten tut.

Herr, lass es dir gefallen,

noch immer rufen wir:

Die Gnade sei mit allen,

die Gnade sei mit mir!

 

(Philipp Friedrich Hiller)