Ein Überwinder von innen heraus!
Georg Steinberger

 

"Ein jeglicher aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde." (Jakobus 1,14+15)

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"Wie kann ich Sieg über die Sünde erlangen, die bei mir immer wieder zum Vorschein kommt?", ist die oft gehörte Frage. Hier soll eine Ursache der Niederlagen gezeigt werden und auch ein Mittel, sie aus dem Weg zu räumen.

 

Lust von innen und Versuchung von außen gebiert die Sünde, sagt uns hier Jakobus. Wir können sicher sein, dass wir in den seltensten Fällen von einer plötzlichen Versuchung von außen zu Fall gebracht werden. Gewöhnlich haben wir die Sünde, die nun ganz unerwartet in Erscheinung tritt, schon vor Wochen, Monaten, auch Jahren in den Gedanken und Empfindungen begangen. Die Sünde war schon im Innern begangen und wartete nur auf den Augenblick, wo sie offenbar werden konnte. Darum sagt Jesus in der Bergpredigt: "Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinem Herzen." d.h. im Herzen ist die Tat schon geschehen. David führt seinen Fall mit Bathseba nicht auf die plötzliche Versuchung zurück, sondern er sagt uns in Psalm 51, wo er seinen Fall beschreibt und bereut: "Du verlangst Wahrheit im Innern."

Damit gibt er die Ursache seines Falles an. Er sagt damit, dass nicht die plötzliche Versuchung, sondern die Untreue im Innern ihn zu Fall gebracht habe. Darum seine weitere Bitte: "Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz!"

 

Jede Sünde hat eine Vorgeschichte im Innern, manche eine jahrelange, manche eine wochenlange, manche nur eine solche von einem Augenblick. Aber die Entstehung einer Sünde geschieht im Innern.

Jakobus sagt: "Wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde." Zwischen empfangen und geboren werden liegt immer ein Zeitraum.

 

Du redest hart gegen deinen Bruder, und du entschuldigst dich und sagst, du habest dich durch diese oder jene Veranlassung hinreißen lassen. O nein! Du warst vorher in deinem inneren Urteil, in deinen inneren Empfindungen diesem Bruder gegenüber nicht treu. Deine lieblosen Äußerungen waren nichts anderes als die Frucht deiner lieblosen Gesinnung.

 

Du kommst in schwierige Verhältnisse und handelst falsch und entschuldigst dich dann, indem du sagst: Der schwierige Augenblick veranlasste mich zu dieser Tat, sonst ist dies nicht mein Charakter. Nein! Wir sind in Wahrheit gerade das, was wir in schwierigen Augenblicken sind. Nirgends so wie gerade hier wird unser wahrer Charakter offenbar. Wir haben hierfür einen treffenden Beweis an dem Streit zwischen den Hirten Lots und den Hirten Abrahams (1. Mose 13). Der Streit offenbarte, was ein jeder von diesen beiden Männern war. Abraham gab er Gelegenheit, seinen Glauben vor Gott und den Menschen kundzutun, während er andererseits die Weltlichkeit zur Schau stellte, die in den geheimen Kammern des Herzens Lots verborgen war. Der Streit erzeugte in dem Herzen Lots ebenso wenig die Weltlichkeit als in dem Herzen Abrahams den Glauben, sondern machte nur offenbar, was in der Tat in den Herzen beider vorhanden war. Lot trieb der Streit nach Sodom.

 

So ist auch der Fall Achans in Josua 7 nach dieser Seite hin sehr lehrreich für uns. Als Josua ihn fragte: "Warum hast du das getan?" antwortete Achan: "Ich sah, es gelüstete mich, und ich nahm es." Zwei Dinge gingen dem Diebstahl voraus. "Sehen" und "gelüsten lassen". Achan wurde von seiner eigenen Lust gelockt und fortgezogen zur Sünde. Er unterlag der Sünde, weil er die Lust in seinem Herzen hegte.

 

Die Lawine, die im Tal großes Unglück und Verwüstung anrichtet, hat oft ihren Anfang genommen mit dem bisschen Schnee, den ein Vogel mit seinen Klauen losgerissen hat. Schwere Niederlagen haben in der Regel ihren Anfang genommen mit einem unerlaubten Blick, mit der Duldung eines unerlaubten Gedankens einer Empfindung.

 

Gott hat Lust zur Wahrheit im Innern. Wahrheit im Innern ist mehr, als keine unwahren Dinge reden, unwahre Handlungen begehen; es ist ein inneres Stehen und Wandeln vor Ihm, dem Heiligen und Reinen.

 

Gott wirkt immer von innen nach außen, ob in der Natur oder in der Erziehung Seiner Kinder - wir wirken in der Regel von außen nach innen. Unser Gott tut immer ganze Arbeit. Er baut nicht vom Giebel aus, sondern legt Grund, der für und für bleibt. Er steigt hinab bis in die tiefsten Tiefen unseres Wesens. Er dringt mit seinem Licht hinein in die Grundgesinnung, in das eigentliche Wesen unseres Herzens, bis an den Ort, wo die Gedanken entstehen und die Empfindungen geboren werden, und macht uns nicht nur unsere ungöttlichen Werke, Worte und Gedanken zur Sünde, sondern auch die verborgenen Empfindungen, die sich noch gar nicht zu Gedanken formuliert haben.

 

Als Hiskia den Tempel reinigen ließ, sprach er zu den Leviten: "Fanget inwendig an!" (2. Chronik 29). Wenn Gott uns, Seinen Tempel, wieder herstellt, fängt Er auch inwendig an. Er öffnet wie Hiskia zuerst die Türen und gibt Befehl, allen Unflat aus dem Heiligtum zu tun, die Lampe anzuzünden, das Räucherwerk herzustellen, das Brandopfer darzubringen, den Schaubrottisch zu belegen und alle Geräte des Heiligtums, die besudelt sind, zu heiligen und sie vor den Altar Gottes zu bringen. Und wenn dann dies alles geschehen ist, macht sich der König früh auf, um in Seinem Hause einzuziehen. "Der Tempel Gottes, der seid ihr," sagt Paulus. Aber bevor Gott in Seinen Tempel einzieht, heiligt Er ihn, wie Paulus weiter sagt: "Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch, dass euer Geist ganz samt der Seele und dem Leib unsträflich behalten werde." Gott fängt allezeit Sein Werk im Innern an. Er legt den Sauerteig inwendig hinein, bis die drei Scheffel Mehl, d.h. Geist und Seele und Leib, ganz durchdrungen sind.

 

O, wie verkehrt sind wir auch in diesem Stück! Wir sind den Kindern gleich, die eine schöne Blume abpflücken, sie in ein Häuflein Sand stecken, sie mit viel Wasser begießen und meinen: Nun muss sie wachsen. Wir wirken von außen nach innen! Wir versuchen auch außen als Kinder des Lichts zu wandeln und dulden in unserem Innern die Finsternis. Wir trauern über den verdorbenen Weinberg und lassen doch die kleinen Füchse leben. Statt dass unser Christenwandel eine Frucht der inneren Verbindung mit Christus sein sollte, ist er sehr oft nur eine Arbeit, die aus "Zusammennehmen" und "Inachtnehmen" besteht. Aber von Arbeit wird man müde, vom Fruchtbringen nicht. Ich kann nach außen nicht in der Wahrheit wandeln, wenn ich nicht Lust zur Wahrheit habe, die im Verborgenen liegt. Ich kann nicht treu, aufrichtig, freundlich, liebevoll, keusch und rein sein, wenn ich es nicht im Innersten meines Wesens bin.

 

Ich kann auf diesen Gebieten niemals ein Überwinder werden, wenn ich es nicht von innen heraus werde. Bei einer solchen entschiedenen Wendung bleiben wir dann nicht nur bewahrt vor vielen Niederlagen, sondern der Kampf verliert auch an Bitterkeit. Denn unser ganzer innerer Mensch ist ein für allemal auf die Seite Gottes getreten. Nicht der Kampf mit der Sünde macht die Bitterkeit des Kampfes aus, sondern der Kampf mit der geweckten, genährten und gepflegten Lust. Die Lust lockt und zieht zur Sünde, hat einen Zug zur Sünde, sagt uns Jakobus.

 

Man hat gesagt, der Herr Jesus habe sich darin geirrt, dass Er Sein öffentliches Auftreten mit der Bergpredigt eingeleitet habe; später habe Er gemerkt, dass diese Predigtweise dem Volke nicht entsprechend sei und habe darum dann meistens in Gleichnissen gesprochen. Wir können das aber nicht annehmen, sondern glauben vielmehr, dass Er uns Menschen von vornherein zeigen wollte, dass Er nicht wie wir von außen nach innen wirkte, sondern von innen nach außen. "Selig sind, die reines Herzens sind" ist das Thema der Bergpredigt. Und wenn uns der Geist Gottes etwas von dem inneren, verborgenen Leben zeigen kann, fangen wir auch an, die Bergpredigt zu verstehen und sehr dankbar dafür zu sein.

 

Denn von Natur ist unser Herz eine Bilderkammer, wie sie in Hesekiel 8 beschrieben ist, voll tierischer Leidenschaften, voll Gräuel und allerlei Götzen. Und die Bergpredigt ist der Hesekiel, dem Gott den Auftrag gegeben hat, ein Loch durch die Wand dieser geheimen Kammer zu graben, damit der schändliche Bilderdienst in Phantasie, Gemüt und Herz ans Licht gebracht und gestraft werde. Denn Licht und Gericht gehen immer Hand in Hand.

David sagt in Psalm 27: "Der Herr ist mein Licht und mein Heil und meines Lebens Kraft." Wenn wir dem Herrn erlauben, unser Licht zu sein, wird Er auch unser Heil und unsere Kraft. Das ist die göttliche Reihenfolge. Höre auf, um Kraft zu schreien, solange der Herr nicht dein Licht sein darf!

 

Nicht nur ein neues Herz, sondern auch ein reines Herz bedürfen wir. Nicht nur die Vergebung der Sünden, sondern auch die Reinigung von Sünden müssen wir haben. In 1. Johannes 1,9 ist zwischen Vergebung der Sünden und Reinigung von Sünden ein Unterschied gemacht. Die Vergebung der Sünden sollte zur Reinigung von Sünden führen, d.h. zur Reinigung vom Sündigen. Wenn dies nicht der Fall ist, haben wir die Vergebung vergeblich empfangen, sagt Petrus (2. Petrus 1,9).

 

Es ist Zeit, dass wir dies verstehen und uns reinigen von jedem Zusammenhang mit der Sünde, auch von dem unscheinbarsten. Denn viel mehr, als wir meinen, sind es kleine, in uns liegende, von uns gepflegte Dinge, die uns die Niederlagen bereiten. Wir denken von diesen Dingen wie die Israeliten von dem Städtchen "Ai": "Es ist ja nur klein!" (Josua 7). Aber gerade hier hatten sie die Niederlage. Ahab hatte vielleicht eine Ritze in seinem Panzer, aber gerade in diese Ritze traf der Pfeil des Feindes und tötete ihn (2. Chronik 18,33.34). Machen wir nicht ähnliche Erfahrungen?

 

Wir denken: Es ist ja nur klein! Es ist ja nur eine Ritze in der Waffenrüstung! Und siehe, das "Kleine" bringt uns die Niederlage. Statt dass Israel die Kanaaniter ausrottete, machte es sie tributpflichtig. Lässest du der Sünde noch einen Platz in dir und schreibst du ihr vor, wie weit sie gehen darf? Glaube es, sie wird eines Tages die Grenze überschreiten und dich wieder in Knechtschaft und Gefangenschaft führen wie die Kanaaniter Israel! Freilich machen diese Dinge allein nicht einen Überwinder aus uns; sie sind nur eine Seite davon - aber eine wesentliche. Denn wer den Bach austrocknen will, muss die Quelle verstopfen, und wer nicht im Feuer umkommen will, darf nicht mit Funken spielen.

 

Alles Gut! sagst du. Aber wie verstopft man die Quelle?

Kann man allein mit einem guten Willen, mit Entschlossenheit und Energie dies zustande bringen? Wir haben ja bereits gesehen, dass wir entschlossen sein müssen, aus allem herauszutreten, was irgendwie mit der Sünde im Zusammenhang steht; aber wir geben zu, dass wir mit dem allein nicht durchkommen. Es bedarf etwas mehr als guten Willen, es bedarf auch noch mehr, als sich der Sünde für tot "halten", es bedarf, sagt Paulus "des Geistes des Lebens in Christus" (Römer 8,2).

 

Der gleiche Lebensgeist, der in Christus wirkte, wirkt auch in mir, und durch ihn habe ich die Befreiung von dem Gesetz der Sünde gefunden, die Befreiung, die ich in Römer 7 durch eigene Kraft gesucht habe. Die Sünde wirkt in unseren Gliedern wie ein Gesetz. Wie in einem Gegenstand das "Gesetz der Schwere" wirkt, die den Gegenstand hinunterzieht auf die Erde, sobald du ihn aus deinen Händen lässest, so wirkt in uns das "Gesetz der Sünde" und zieht uns beständig hinunter. Aber wie dieser Gegenstand vor dem Fallen bewahrt bleibt, weil ein anderes Gesetz auf ihn einwirkt als das Gesetz, das in ihm selbst ist, nämlich das "Lebensgesetz" in deinem Arm, so bleiben auch wir bewahrt vor dem Fallen, weil ein stärkeres Gesetz als das Gesetz der Sünde auf uns wirkt, nämlich das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus, und gleichwie dir außerordentlich viel daran gelegen ist, etwas Kostbares, das du in deinen Händen hältst, nicht fallen zu lassen, wie du besorgt bist, dass es nicht zur Erde in den Schmutz fällt, so und noch viel mehr ist es des Heilands Verlangen, dich nicht fallen zu lassenwenn du dich nur halten lässt. Ja, wir bleiben nicht nur bewahrt vor dem Fallen, sondern dieses Lebensgesetz zerreißt in uns auch das Sündennetz, zerstört den Sündennerv und damit auch das Sündengesetz. Denn solange wir noch von der Lust gelockt und fortgezogen werden können, haben wir noch nicht unsere Stellung als Mitgekreuzigte eingenommen, oder wir sind bereits wieder aus unserer Festung herausgetreten und haben den Wandel im Geist aufgegeben (Galater 5,16).

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